Folge 9: Der Struwwelpeter

Warst du als Kind früher einmal frech? Hast du nicht auf deine Eltern gehört oder jemandem Streiche gespielt?

Bestimmt waren wir alle das ein oder andere Mal nicht ganz brav, als wir noch klein waren. Das ist ganz normal, aber natürlich müssen Kinder erzogen werden. Sie müssen lernen, wie man sich richtig verhält, dass man zu anderen Menschen nicht gemein sein darf, und dass man mit manchen Dingen vorsichtig umgehen muss.

Eine beliebte Art, Kinder zu erziehen, ist es, ihnen Geschichten vorzulesen. Diese Geschichten enthalten Lektionen und Moralen, aus denen man etwas lernen kann. In Deutschland gibt es sehr viele Geschichten, die Kindern gern erzählt werden.

Heute möchte ich nicht über Märchen wie Hänsel und Gretel von den Brüdern Grimm reden, auch wenn auch die interessant und lehrreich sind. Heute erzähle ich euch vom Struwwelpeter.

Der Struwwelpeter ist der Titel eines Bilderbuchs von Heinrich Hoffmann. Das Buch wurde schon vor sehr langer Zeit veröffentlicht, nämlich im Jahr 1844. Struwwelpeter ist auch der Name eines der Haupt-Charakter im Buch.

Hoffman war Arzt und Psychiater. Eigentlich hatte er das Buch nur für seinen kleinen Sohn geschrieben, aber viele seiner Freunde fanden es sehr gut. Sie überzeugten ihn, das Buch zu veröffentlichen.

In diesem Buch finden wir zehn Geschichten für Kinder. Hauptsächlich erzählen die Geschichten, wie ein Kind sich daneben benimmt und frech ist. Daraufhin erfährt das Kind die Folgen von seinem Benehmen. In vielen der Geschichten sind diese Konsequenzen sehr hart, oder sogar tödlich.

Hoffmann hat diese Geschichten als Gedichte geschrieben. Das bedeutet, dass die Sätze sich reimen, zum Beispiel wie die Worte Rose und Hose.

Jetzt aber erst einmal genug Hintergrund-Informationen. Heute erzähle ich dir von zwei Geschichten aus dem Buch.

Die erste heißt "Struwwelpeter", wie das Buch auch. Diese Geschichte ist eher einfach und wie ein kurzes Gedicht. Und da es ein Bilderbuch ist, gibt es zu jeder Geschichte auch Bilder. Die stellen den Inhalt der Geschichte schön gezeichnet dar.

Beim Struwwelpeter sieht man auf dem Bild einen Jungen, nämlich den Peter. Er sieht wirklich fürchterlich aus. Er hat an jedem Finger an seinen Händen Fingernägel, die mindestens 20 Zentimeter lang sind. Auf seinem Kopf trägt er unglaublich viele Haare. Die sind nicht gekämmt oder gepflegt, sondern sie stehen wild in jede Richtung ab.

Struwwel, das ist ein Wort, das heute eher selten vorkommt und ungewöhnlich ist. Heute sagt man eher strubblig anstatt struwwelig, aber die Bedeutung ist die selbe. Das Wort meint vor allem onordentliche, zerzauste und wilde Haare oder Federn.

Da diese Geschichte sehr kurz ist, lese ich sie im Ganzen vor. Danach erkläre ich noch einige besonderen Worte. Denk bitte daran, dieser Text ist über 150 Jahre alt. Man kann ihn zwar noch verstehen, aber heute spricht man in Deutschland etwas anders. Hier kommt die Geschichte:

Sieh einmal, hier steht er,

Pfui! der Struwwelpeter!

An den Händen beiden

Ließ er sich nicht schneiden

Seine Nägel fast ein Jahr;

Kämmen ließ er nicht sein Haar.

Pfui! ruft da ein jeder:

Garst’ger Struwwelpeter

Du siehst, der Text ist als Gedicht, mit vielen Reimen verfasst. Dadurch kann man ihn gut vorlesen, und man kann ihn sich auch leichter merken.

Die Moral der Geschichte ist einfach: Peter pflegt sich und sein Äußeres nicht. Er lässt die Haare und Nägel wachsen, und sieht unglaublich unangenehm aus. Deswegen rufen alle anderen Leute "Pfui". Das sagt oder schreit man, wenn man etwas sehr Abstoßendes oder ekelhaftes sieht. Eine gute Moral für Kinder, die nicht verstehen, wieso man sein Äußeres pflegen sollte.

Ich rede jetzt noch über eine zweite Geschichte aus dem Buch. Diese Geschichte heißt: "Die Geschichte vom Suppen-Kaspar".

Hier sind die Bilder ein bisschen wie ein Comic aufgebaut. Auf dem ersten Bild ist ein ziemlich dicker, blondhaariger Junge zu sehen. Er steht neben einem Tisch, auf dem ein Teller Suppe ist. Naja, eigentlich steht er nicht wirklich, sondern er scheint ziemlich wütend zu sein und hüpft auf einem Bein. Seine Hände sind in der Luft, und sein Gesicht sieht sehr agressiv aus.

Die Geschichte sagt:

Der Kaspar, der war kerngesund,

Ein dicker Bub und kugelrund,

Er hatte Backen rot und frisch

Die Suppe aß er hübsch bei Tisch.

Doch einmal fing er an zu schrei’n:

„Ich esse keine Suppe! Nein!

Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!“

Kaspar ist also ein normaler, gesunder Junge, der keinen Hunger leiden muss. Er ist sogar sehr dick. Das bedeutet, man sieht ihm an, dass es ihm gut geht und er gerne isst.

Doch plötzlich scheint ihm die Suppe nicht mehr zu schmecken. Er schreit "Ich esse meine Suppe nicht".

Anscheinend haben ihn seine Eltern nicht überzeugen können. Im zweiten Bild ist Kaspar am nächsten Tag zu sehen. Wieder gibt es Suppe zu essen, und wieder tanzt Kaspar wütend neben dem Tisch. Doch eine Sache ist anders. Er sieht nicht mehr aus wie ein gut ernährter gesunder Junge. Er ist sehr viel dünner geworden.

Wie ich schon gesagt habe, auch heute macht Kaspar lieber einen großen Aufstand, anstatt seine Suppe zu essen. Sein Magen bleibt also auch am zweiten Tag leer.

Leider ändert sich auch am dritten Tag nichts. Auf dem Bild sieht er noch viel magerer aus, aber er lässt die Suppe wieder stehen.

„Ich esse keine Suppe! Nein!

Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!“

An Tag vier ist Kaspar so dünn und schwach geworden, dass man ihn kaum noch erkennt. Er sieht aus wie ein dünner Faden.

Und was an dann passiert... Naja, hör a m besten einfach zu:

Am vierten Tage endlich gar

Der Kaspar wie ein Fädchen war.

Er wog vielleicht ein halbes Lot –

Und war am fünften Tage tot.

Kaspar hat also so lange nichts gegessen, dass er letztendlich verhungert ist. Auf dem letzten Bild ist nur noch sein Grabstein zu sehen. Auf seinem Grab steht noch eine große Schüssel voll Suppe, aber die wird ihm wohl nicht mehr helfen. Laut dem Text wiegt er ein "Halbes Lot". Das ist eine alte Maßeinheit, die heute nicht mehr in Verwendung ist. Umgerechnet wären das nur ungefähr 7 Gramm.

Du siehst also, in den Geschichten bekommen die Kinder sehr extreme Konsequenzen auf Ihr Fehlverhalten gezeigt.

Heutzutage gibt es mehrere Arten, wie die Menschen die Geschichten auffassen. Viele Kinder haben die Geschichten natürlich beim Aufwachsen gehört, und auch etwas davon gelernt. Andere sagen aber, dass in diesem Buch Erziehungsmethoden angewandt werden, die unmenschlich sind und einem Kind schaden können. Sie wollen ihren Kindern keine Angst machen.

Dann gibt es aber auch noch die Auffassung, dass Hoffmann in den Geschichten vielleicht psychische Krankheiten beschreibt. Zum Beispiel kann man den Suppenkaspar als eine der ersten Beschreibungen von Magersucht sehen. Das ist eine Krankheit, die es auch heute noch gibt.

Wenn man an Magersucht leidet, dann will man unbedingt abnehmen. Man will weniger und weniger wiegen, auch wenn das ungesund und sogar gefährlich ist. Deswegen essen Menschen mit Magersucht häufig sehr wenig oder gar nichts. Die Krankheit ist auch heute noch ein großes Problem, und der Wunsch nach dem Abnehmen wird von den sozialen Medien sogar noch verstärkt.

Alles in allem ist der Struwwelpeter eine Geschichte, die meine Kindheit sehr geprägt hat. Ich hoffe, dir hat meine Erzählung zu dem Buch gefallen. Vielleicht mache ich in Zukunft auch noch andere Geschichten aus dem Buch zum Thema im Podcast. Ich bin nun am Ende der Folge angekommen. Wie schon gesagt, ich habe die website ganzschoendeutsch.de, auf der du den Text nachlesen und dich über alles Aktuelle zum Podcast informieren kannst. Hoffentlich konntest du heute etwas Deutsch lernen! Und jetzt, abschalten